Dem Bergbau auf der Spur in Sankt Andreasberg

Ein Reisebericht über einen spannenden Wandertag

Die Bergstadt Sankt Andreasberg im Oberharz blickt auf eine lange Geschichte im Bergbau zurück. Nicht umsonst basiert ihr Name auf dem des Schutzpatrons des Bergbaus. Egal ob Gruben, Lehrbergwerke, Zechenhäuser oder Lochsteine. Wer mit offenen Augen durch das Städtchen läuft, wird quasi bei jedem Schritt fündig. Ich möchte euch die Highlights meiner Bergbau-Wanderung präsentieren und euch verlocken, in Sankt Andreasberg ebenfalls auf den Spuren des Bergbaus zu wandeln.

Planung und Vorbereitung meines Wochenendes im Zeichen des Bergbaus

Ansicht Sankt Andreasberg

Da ich den Bergbau in seinen verschiedensten Ausprägungen sehr interessant finde, hatte ich beschlossen, meinen Kurzurlaub vom 24.-26. Februar 2017 für eine Reise in die Vergangenheit zu nutzen. Mein Zielort: Sankt Andreasberg. Hier wurden vermutlich schon im 12. Jahrhundert die ersten Gruben angelegt. Mönche begaben sich in ihnen auf die Suche nach Mineralien wie Silber, Kupfer, Blei, Zink und Eisen. Obendrein geht der Name der Bergstadt zurück auf den Schutzpatron des Bergbaus: Sankt Andreas.

Da ein Wochenende recht kurz ausfallen kann, bereitete ich mich im Vorfeld akribisch auf meine Reise vor. Bei meinen Recherchen fand ich bereits vorgefertigte Wanderrouten, die es Touristen ermöglichen sollten, so viel wie möglich über den Bergbau in Sankt Andreasberg zu erfahren. Als Unterkunft wählte ich eine geräumige und komfortable Ferienwohnung in dem „Apartmenthaus Harz-Momente“. Die „Harz-Momente“ hatte ich ausgesucht, weil sie ideal zum Startpunkt meiner geplanten Wandertour lagen. Die Reise konnte beginnen.

Apartmenthaus Harz-Momente Ferienwohnung Sankt Andreasberg

Am späten Freitagnachmittag fuhr ich gen Sankt Andreasberg. Nach etwa 90 Minuten Fahrt kündeten die zunehmend kurvigere Streckenführung und stetes Auf und Ab von der Annäherung an das höchste Mittelgebirge Norddeutschlands, den Harz. Nach insgesamt zwei Stunden Fahrt passierte ich das Stadtschild von Sankt Andreasberg.

Meine Ferienwohnung lag etwas abseits des Stadtzentrums. Die Inhaber des „Apartmenthauses Harz-Momente“ erwarteten mich auf dem Parkplatz direkt vor dem Haus. Das sanft gelbliche Gästehaus war eingerahmt von Schneebergen. Ich wurde durch meine Ferienwohnung geführt, alle Besonderheiten wurden mir erklärt und ich spürte sofort, dass ich mich hier sehr wohl fühlen würde. Ich beschloss, den Tag in aller Ruhe ausklingen zu lassen und Kraft für den Samstag zu sammeln. Vor dem Zubettgehen studierte ich noch einmal meinen „Schlachtplan“, also meine vorbereitete Wanderroute, und schlummerte zufrieden ein.

Die Grube Samson und das angeschlossene Bergwerksmuseum

Bergbau Grube Samson Sankt Andreasberg

Ich genoss die vollkommene Ruhe des Nationalparks Harz in meinem gemütlichen Bett bis ca. 10 Uhr. Dann hieß es durchstarten. Denn eine Stunde später sollte der Startschuss für meine Geschichtsreise in Form einer Führung im unweit gelegenen Bergwerksmuseum „Grube Samson“ fallen. Im Übrigen ein anerkannter Bestandteil des Weltkulturerbes der UNESCO.

11 Uhr stand ich mit einer Gruppe anderer Touristen vor dem Eingang zu dem Bergwerksmuseum. Ein im weiteren Verlauf mit Wissen nur so um sich schmeißender Führer öffnete uns und ließ uns für etwa 75 Minuten tief in die Geschichte des Bergbaus eintauchen. Er skizzierte das damalige Leben und Arbeiten unter Tage. Die Folgen für die Region. Und welche technischen Errungenschaften die Harzer Bergleute hervorgebracht hatten.

Bergbau Grube Samson Sankt Andreasberg

Darunter die Fahrkunst. Eine Paternoster-ähnliche, gewaltige Apparatur, die die Arbeiter morgens unter Tage und abends wieder an die Erdoberfläche brachte. Vorher mussten diese in ewigen Kletterpartien mittels Leitern auf- und absteigen. Das Besondere: Natürlich wurde diese Entwicklung irgendwann in die ganze Welt exportiert. Doch die in Sankt Andreasberg befindliche Fahrkunst ist weltweit die einzige, die noch erhalten und sogar funktionstüchtig ist. Und die heute noch genutzt wird! Zu Wartungszwecken.

Denn die Grube Samson wird noch heute betrieben. Nicht um Silber abzubauen. Sondern um Strom zu erzeugen. Denn das für den Bergbau umgeleitete Wasser angrenzender Flüsse läuft heute über gewaltige Turbinen in den Bergwerkstollen. Diese erzeugen genug Strom für die ganze Stadt. Ein Idealbeispiel für nachhaltige Energieversorgung. Und um zu den Turbinen zu gelangen, muss die Fahrkunst noch heute genutzt werden. Kein ungefährlicher Job.

Nach der äußerst interessanten Führung besuchte meine Gruppe auch noch das direkt angrenzende Museum zum Thema. Hier konnten wir dank unzähliger Ausstellungsstücke auf zwei Etagen noch intensiver in die damalige Zeit eintauchen. Vor allem wurde hier auf das Leben der Menschen fokussiert, die vom Bergbau lebten.

Klein, gelb, laut und garantiert kein Käse: Der Harzer Roller

Bergbau in Sankt Andreasberg Warnvogel Harzer Roller

Die Frage nach typischen Spezialitäten des Harzes wird häufiger mit einem Verweis auf den Harzer Roller beantwortet. Ein Käse, der ein erstaunlich gutes Image als Fett-Verbrenner hat. Doch um den Käse soll es hier freilich nicht geben. Denn es gibt auch eine Kanarienvogelart, die als Harzer Roller bezeichnet wird. Dieser fungierte im Bergbau als sogenannter Warnvogel. Das heißt, die Kumpel nahmen einen dieser possierlichen, gelben Vögel in einem kleinen Käfig mit unter Tage. Sang der Vogel, war alles in Ordnung. Verstummte er, beziehungsweise fiel tot von der Stange, war Gefahr in Verzug. Etwa in Form von Kohlenmonoxid.

Doch die schön anzuschauenden, sangesfreudigen Vögel machten auch anderweitig Furore. Es fanden sich bald Abnehmer, die gezielt nach den Harzer Rollern fragten. Die Folge waren umfangreiche Zuchtbemühungen in Sankt Andreasberg. Bald betätigten sich Hunderte Bergwerksfamilien als Züchter, andere bauten die Käfigbehausungen der Kanarienvögel und wieder andere exportierten sie in alle Welt. So rettete der Harzer Roller manche Bergleute durch ertragsarme Bergbaujahre.

Bergbau in Sankt Andreasberg Harzer Roller Denkmal Trute

Ein zweistöckiges Museum direkt im Gebäudekomplex der Grube Samson legt die Geschichte der Kanarienzucht in Sankt Andreasberg offen. Macht deutlich, wie die Zucht der Harzer Roller inklusive der Herstellung der Käfige und Versandkäfige ein eigener Wirtschaftszweig wurde. Und freilich konnte ich hier auch dem glockenklaren Klang des Gesangs der kleinen Vögel lauschen, denn natürlich hält das Harzer-Roller-Museum diverse lebende Exemplare des Kanarienvogels.

Neben dem Harzer-Roller-Museum huldigt ein weiteres Denkmal in der Stadt den Vögelchen und deren Bedeutung. Das Denkmal für den Kanarienvogelzüchter Wilhelm Trute. Dieser lebte vom 5. März 1836 bis zum 20. Oktober 1889 in Sankt Andreasberg, war Bergmann in der Grube Samson und machte die Bergstadt als Züchter der Harzer Roller weltberühmt. Das Denkmal stellt einen der 66-teiligen Kanarienvogelkäfige dar, die zum Transport der Vögel verwendet wurden.

Die Zündholzfabrik und das Bergamt

Bergbau in Sankt Andreasberg Zündholzfabrik

Grube Samson, Fahrkunst, Harzer Roller. Bis hierhin war meine Wanderung ein voller Erfolg. Und es sollte so weiter gehen. Von dem Trute-Denkmal laufe ich in Richtung Stadtinneres. In der Oberen Grundstraße 1 lese ich an einem Informationsschild, dass sich hier einst die Zündholzfabrik der Firma F.C. Deig befunden hat.

Als der Bergbau internationalisiert wurde und niedrige Importpreise den heimischen Bergbau empfindlich bedrohten, mussten viele Kumpel neben der Kanarienvogelzucht nach weiteren Nebenerwerben suchen. Gerade Zündholzfabriken griffen gerne auf die Berg- und Hüttenleute als Arbeitnehmer zurück.

Von dort laufe ich zum Rathaus der Stadt in der Dr.-Willi-Bergmann-Straße 23. Dieses beherbergte einst das Bergamt. Eine Aufsichtsbehörde, die alle mit dem Bergbaubetrieb verbundenen Tätigkeiten, Einrichtungen und Anlagen verwaltete. Obendrein beschäftigte sie sich mit Fragen der Betriebs- und Arbeitssicherheit.

Die steilste Stadtstraße, die Pochknabenschule und der Andreastaler

Bergbau in Sankt Andreasberg Herrenstraße

Mitten im Stadtzentrum schreite ich die Herrenstraße hinab. Mit 22 Prozent Gefälle mal eben die steilste Stadtstraße Westdeutschlands. Der Weg hinab war so natürlich ein Leichtes. Doch innerlich fluchte ich schon, wohlwissend, dass ich gegen Ende meiner Tour dieses Gefälle wieder hochmusste. Ihren Namen erhielt die Straße übrigens aufgrund des Faktes, dass hier die Fuhrherren lebten. Umso erfolgreicher der Bergbau in der Stadt wurde, umso mehr musste dessen Ertrag natürlich in die Welt verteilt werden. Es entstand ein umfangreiches Fuhrwesen, das die Fuhrherren zu angesehenen und wohlhabenden Leuten machte.

Von der Herrenstraße gehe ich einige Meter die Lämmerhirtsgasse hoch. Mit der Hausnummer 1 steht hier eines der ursprünglich ältesten Häuser des Ortes. Die ehemalige Pochknabenschule. Pochknaben waren Jungen, die in den Erzwäschen und Pochwerken arbeiteten. Sie halfen mit, die wertvollen Erze von dem tauben Gestein zu trennen, um hernach die Erze voneinander zu trennen. In der Schule wurden sie ab ihrem neunten Lebensjahr intensiv auf diese Tätigkeiten vorbereitet. Was im Übrigen nicht bedeutet, dass die Kinder vor ihrem neunten Lebensjahr nicht im Bergbau mit anpacken mussten. Ganz im Gegenteil…

Von der Pochknabenschule laufe ich in Richtung „Am Markt“ und entdecke die Mühlenstraße 1. Hier befand sich die ehemalige Sankt Andreasberger Hammermünze. Von 1593 bis 1629 wurden hier die berühmten Andreastaler geprägt. Sie tragen, natürlich, das Prägebild des heiligen Andreas.

Der Bergbau von damals und seine Auswirkungen aufs Heute

Bergbau in Sankt Andreasberg Pochknabenschule

Hinter der unspektakulären Adresse Halde 18 verbirgt sich das ehemalige Zechenhaus der Grube König Ludwig. In Zechenhäusern versammelten sich die Bergleute vorm Einfahren in die Grube. Hier befanden sich Umkleideräume und Materiallager. Und die Bergleute nutzten die Räumlichkeiten zum Verlesen von Bibeltexten und zum Beten. Immerhin kamen sie bei ihrer anstrengenden Arbeit dem Erdmittelpunkt und damit der Hölle immer näher.

Bei einem Gespräch mit dem aktuellen Besitzer erfahre ich, dass er hier wortwörtlich auf einer Art Pulverfass sitze. Denn da, wo einst der Einstieg in die Grube war, sei heute ein Loch, das tief in den arbeitenden Berg hineinreiche. Jeden Tag könne das Gestein nachgeben und alles in sich zusammensacken. Was auch Sanierungen in diesem Bereich so gut wie unmöglich mache. Eindrückliche Spätfolgen der Ausbeutung der Natur…

Lochsteine und Grubenzugänge

Bergbau in Sankt Andreasberg Lochstein

Der Begriff des Lochsteins bezeichnet im Bergbau Grenzsteine, die die Eigentumsgrenzen an einem Bergwerk markierten. Oberirdisch zeigten sie an, wie weit der Abbau unterirdisch gehen durfte. In Sankt Andreasberg gibt es einige Lochsteine zu entdecken. Dazu müsst ihr aber sehenden Auges durch die Bergstadt wandern. Und ihr müsst hoffen, dass der Räumdienst die Steine nicht einfach mit Schnee zuschiebt. So ist es mir bei meinem ersten Lochstein passiert. Der markierte einst die Grenze der Grubenfelder St. Andreas und Silberburg. Zumindest umschrieb ein Hinweisschild noch einmal Nutzen und Inhalt des verschütteten Steins.

Bei der Adresse Halde 9 entdecke ich meinen ersten Lochstein. Dieser begrenzte die Grubenfelder der Grube Sankt Andreas und der Grube König Ludwig. Einen zweiten finde ich in der Unteren Grundstraße 2. Der entpuppt sich als Grubengrenzstein der Grube Gnade Gottes, die von 1590-1910 betrieben wurde.

Bergbau in Sankt Andreasberg Grube Sankt Andreas

Am Markt 1 finde ich dann auch einen Hinweis auf den Schacht der Grube Sankt Andreas. Diese wurde von 1644-1749 betrieben und reichte 509 Meter tief in die Erde. Von 1701 bis 1720 gehörte sie zu den ergiebigsten Zechen des St. Andreasberger Revieres und galt als zweittiefstes Bergwerk des gesamten Harzes. Gefördert wurden hier Bleiglanz und Silberreicherze. Heute zeugt davon nur noch ein Hinweisschild.

Auf meinem Trip hatte ich irgendwie die Zeit komplett vergessen. Es begann dunkel zu werden und mein Magen knurrte ordentlich. Ziemlich geschafft (Sankt Andreasberg besteht gefühlt ausschließlich aus steilen Straßen) lasse ich mich in einem Restaurant nieder, um meinen knurrenden Magen zu besänftigen. Damit endete dann auch meine Reise in die Geschichte des Bergbaus. Und damit beende ich meinen Bericht.

Sankt Andreasberg ist immer eine Reise wert!

Bergbau in Sankt Andreasberg

Erwähnt sei aber, dass die ehemalige Bergbaustadt Sankt Andreasberg noch viel mehr erkundenswerte Bergbau-Zeugnisse bereithält. So ist das Lehrbergwerk „Grube Roter Bär“ nur im Sommer zu besichtigen. Und auch der geologisch-bergbauhistorische Wanderweg entfaltet seine ganze Faszination nur in wärmeren Jahreszeiten.

Es gibt einfach irre viel zu entdecken in Sankt Andreasberg. Und ganz nebenbei kann man den im besten Sinne verschlafenen Charme des kleinen Städtchens in sich aufsaugen und ordentlich vom Alltag abschalten. Leider musste ich am folgenden Sonntag schon wieder die Heimreise antreten. Wehmütig komme ich zu der Erkenntnis: Sankt Andreasberg – Immer eine Reise wert!

Dieser Bericht wurde uns freundlicherweise von unserem Gast Pierre Pawlik inklusive der Bilder (Ausnahme: Harzer Roller © Wikipedia.de/Ogmios) zur Verfügung gestellt. Wir würden uns freuen, Herrn Pawlik bald erneut in unseren „Harz-Momenten“ begrüßen zu dürfen. Tun Sie es ihm doch gleich und erkunden Sie die reichhaltige Geschichte von Sankt Andreasberg.

Buchungsanfrage

Sie wollen auch auf den Spuren des Bergbaus wandeln? Diese Buchungsanfrage ist unverbindlich. Wir schicken Ihnen schnellstmöglich ein Angebot.